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Das Kreuz ohne Furcht tragen

Wie die koptische Kirche in Ägypten mit der konstanten Bedrohung umgeht

In dem nachstehenden Gespräch erklärt der koptische Bischof Thomas, warum die Idee des Märtyrertums viele Antworten für das Leben im 21. Jahrhundert bietet. © Albin Hillert/ÖRK

Von Katja Buck*

Die brutalen Angriffe auf zwei Kirchen in Alexandria und Tanta am Palmsonntag mit mehr als 40 Opfern sind nicht die ersten Anschläge auf Menschen christlichen Glaubens in Ägypten. Im Januar hat der so genannte Islamische Staat koptischen Christinnen und Christen den Krieg erklärt und acht von ihnen ermordet. Im Dezember 2016 wurden bei einer Explosion in einer koptischen Kirche in Kairo 30 Menschen getötet.

Wie soll man mit dieser konstanten Bedrohung umgehen? Und was soll man dem Hass entgegensetzen, der zwischen der christlichen und muslimischen Glaubensgemeinschaft wächst? Die koptische Kirche hat darauf seit 2000 Jahren eine Antwort: das Märtyrertum, eine in den meisten Teilen der Welt längst vergessene Idee.

In dem nachstehenden Gespräch erklärt der koptische Bischof Thomas, warum dieses Konzept des Märtyrertums auch im 21. Jahrhundert noch viele Antworten bereit hält.

Das Thema Märtyrertum wurde im Februar 2015 wieder aktuell, als 21 junge Kopten vom so genannten Islamischen Staat ermordet wurden. Die Menschen überall auf der Welt waren entsetzt über die Horrorbilder, die die Terrormiliz mit ihrem professionell produzierten Video über die Enthauptungen am Strand ins Netz gestellt hatte. Die einhellige Reaktion im Westen bestand darin, sich dieses Video nicht anzuschauen und damit die Würde der Opfer zu bewahren. Die christliche Gemeinschaft in Ägypten entschied sich für das Gegenteil und schaute sich das Video bis zum Schluss an. Warum?

Bischof Thomas: Sie wollten das Leiden mit denjenigen teilen, die enthauptet wurden. Beim Ansehen des Videos hörten sie plötzlich, als die Terroristen den Opfern das Messer an die Kehle setzten, dass die jungen Männer den Namen Jesu riefen. Einige Tage später erklärte die koptische Kirche sie offiziell zu Märtyrern der Kirche.

In den sozialen Medien brachten zahlreiche Menschen in Ägypten Freude zum Ausdruck. Ikonen für die Märtyrer und zur Erinnerung an die Tragödie wurden ebenfalls angefertigt. Dies ist ein Verhalten, das in westlichen Kulturkreisen kaum verstanden wird. Haben Kopten keine Angst? Sind sie nicht zornig, fühlen sie sich nicht bedroht?

Bischof Thomas: Denken Sie nur nicht, dass wir nicht trauern! Wenn so etwas unschuldigen Menschen angetan wird, gibt es viele Tränen. Aber im Märtyrertum gibt es beides gleichzeitig: den Schmerz des Kreuzes und die Freude über die Erlösung. Nehmen Sie nur als Beispiel Maria, die Mutter Gottes. Sie musste ihr Kind hergeben, aber ihr Herz war fröhlich in dem Herrn. Genauso fühlen auch die Christinnen und Christen in Ägypten.

Hassen sie nicht diejenigen, die 21 Menschen getötet haben oder die anderen christlichen Gläubigen Leid zufügen?

Bischof Thomas: Wenn eine solche Tragödie geschieht, sagen wir den Menschen immer, sie sollen nicht diejenigen fürchten, die diese Untaten begehen.  Natürlich, sie können dir dein irdisches Leben nehmen, aber was sonst können sie tun? Sie können dir nicht die ewige Herrlichkeit nehmen. Wer keine Angst hat, kann lieben, vergeben und Stärke zeigen. Vergessen wir nicht, dass die Geschichte dieser 21 jungen Männer in Libyen lange vor dem Tag an der Küste begann. Sie wurden entführt, gefoltert und bedroht, damit sie ihrem Glauben abschwören sollten. Aber diese Menschen beteten und hoben die Augen zum Himmel. Wer den Blick nach oben richtet, für den erscheinen die Dinge auf der Erde kleiner.

Aber ist das nicht ein psychologischer Trick? Man verspricht einem Menschen etwas, was nicht von dieser Welt ist. Aber diese Person wird hier in dieser Welt getötet. Für die Hinterbliebenen ist das ein traumatisches Erlebnis. Eltern verlieren ihre Kinder, Kinder verlieren ihre Eltern. Sie müssen ihr Leben ohne die geliebten Menschen weiterführen.

Bischof Thomas: Ja, das ist in der Tat ein sehr traumatisches Erlebnis. Und wenn Sie mit jemandem sprechen, der einen geliebten Menschen bei einem Terroranschlag verloren hat, ist es schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich bin einmal einer Frau begegnet, die vor Jahren den Mord an ihrer Schwester miterleben musste. Aus diesem Grund hat sie Ägypten verlassen und ist nach New York ausgewandert. Ihr Mann hat dort einen Job gefunden, und alles schien in Ordnung zu sein. Aber ihr Ehemann arbeitete im World Trade Center, ausgerechnet am Tag des Anschlags am 11. September 2001. Diese Frau hat zwei Mal einen geliebten Menschen aufgrund desselben Hasses verloren. Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte. Man findet in einer solchen Situation keine Worte. Es sind traumatische Erfahrungen.

Die Mutter von zwei der 21 ermordeten Geiseln sagte in einem Gespräch mit einem TV-Sender, sie verzeihe den Tätern und preise Gott, der ihren Söhnen die Kraft gegeben habe, stark im Glauben zu bleiben – ich kann kaum verstehen, dass eine Mutter denjenigen vergeben kann, die ihre zwei Söhne getötet haben.

Bischof Thomas: Sie weiß, dass ihre Söhne in Ehren gehalten sind. Das nimmt ihr natürlich nicht ihren Schmerz. Trotz allem bleibt es ein Trauma. Deshalb brauchen wir spezielle Traumata-Heilungsprogramme. Dieses Leid in sich zu tragen bedeutet aber nicht gleichzeitig auch, Hass in sich zu tragen. Und seinen Schmerz und sein Leid zu zeigen, bedeutet nicht, Angst zu haben. Gott will nicht, dass wir unser Leben einfach wegwerfen. Aber wenn wir dem Märtyrertum ausgesetzt sind, nehmen wir es an. Auf der anderen Seite hängen Märtyrertum und  Ungerechtigkeit immer zusammen. Märtyrer zu sein bedeutet, Opfer von Ungerechtigkeit zu sein. Und deshalb sind wir, die wir am leben bleiben, aufgefordert, alles zu unternehmen, um Gerechtigkeit herzustellen. Es ist unsere Verantwortung, uns für die Gerechtigkeit einzusetzen. Dieses brutale Morden muss aufhören.

Was leistet die Kirche für diejenigen, die ihre Liebsten bei Attentaten gegen Christinnen und Christinnen verloren haben?

Bischof Thomas: Zunächst kümmern wir uns um die Familien, und zwar mit spirituellem und finanziellem Beistand. Der Verlust eines Familienangehörigen kann für die Hinterbliebenen eine finanzielle Katastrophe bedeuten. Wenn wir in dieser Notlage nicht tätig werden, hätte das noch mehr Ungerechtigkeiten zur Folge. Weiterhin leisten wir, soweit wir können, Trauma-Arbeit und seelsorgerische Betreuung und vermitteln den Familien auf diese Weise das Gefühl, dass sie nicht alleine in ihrer Trauer sind. Die Kirche setzt sich außerdem für Menschenrechte ein. Das ist zwingend erforderlich, hier besteht Handlungsbedarf. Und schließlich sorgen wir dafür, dass die Menschen liebevoll miteinander umgehen. Jeder Mensch ist in den Zyklus von Liebe  und Vergebung eingebunden, sogar die Mörder. Unser Kampf wird auf einer spirituellen Ebene geführt. Wir kämpfen mit Philosophie und Prinzipien.

Was bedeutet Vergebung?

Bischof Thomas: Vergebung ist ein Akt zwischen einem Individuum und Gott, nicht zwischen zwei Individuen. Der Täter ist in diesen ersten Schritt nicht eingebunden. Vergebung bedeutet, dass ich Hass und Angst in meinem Herzen nicht zulasse. Das ist die Voraussetzung für den zweiten Schritt: Friede und Versöhnung zu schaffen. Wir fordern Gerechtigkeit und beten für die Verfolger, dass sie verstehen und die Wahrheit der Menschlichkeit erkennen.

Seit zwei Jahren erlebt der Westen den Vormarsch des Terrorismus. In Paris, Berlin, Nizza oder London wurden unschuldige Menschen ohne jeden Grund getötet. Wie könnte die Antwort der Kirchen im Westen darauf aussehen? Die Idee des Märtyrertums ist nicht Bestandteil ihrer Theologie.

Bischof Thomas: Die Angst durchdringt immer stärker die westlichen Gesellschaften. Genau das will der Terrorismus bezwecken. Aber diese Botschaft der Angst muss unterbunden werden, und das könnte die starke Antwort der Kirchen sein. Wenn Angst in einer Gesellschaft das vorherrschende Gefühl wird, kann es sehr schnell dazu führen, dass Gruppen unter Generalverdacht gestellt werden. Wenn es einige Menschen muslimischen Glaubens gibt, die Menschen christlichen Glaubens töten, liegt der Schluss nahe, dass alle Muslime schlecht sind. Das ist aber ungerecht. Die Antwort auf das Martyrium kann nicht Ungerechtigkeit sein.

Die Mutter der beiden getöteten Söhne, von der wir oben gesprochen haben, und auch die 21 Opfer des so genannten Islamischen Staates hatten keine höhere Schulbildung. Das waren einfache Menschen, keine Theologen, sie hatten keine Universität besucht. Wie konnten sie einen Weg finden, dieses philosophische Konzept des Märtyrertums in ihr Leben zu integrieren?

Bischof Thomas: Das waren einfache Leute, die ein einfaches Leben geführt haben. Aber sie sind mit der Idee des Märtyrertums aufgewachsen, in dem die Verehrung der Heiligen eine wichtige Rolle spielt. Das hat ihnen eine tiefe spirituelle Grundlage gegeben. Ein einfacher Glaube bedarf keiner langen  Erklärungen. In unseren Sonntagsschulen lehren wir keine schriftliche, sondern eine lebendige Theologie. Es gibt viele Beispiele in der Geschichte der koptischen Kirche, wo Menschen den Märtyrertod erlitten, aber in Würde starben. Vielleicht haben sich diese 21 an den Heiligen Georg erinnert, der sieben Jahre lang gefoltert wurde und als Held starb. Er wurde getötet, bewahrte aber seine Würde. Oder der Heilige Irenäus, dessen Lehrer Polykarpus den Märtyrertod starb. Der Schüler berichtete über den Tod des Lehrers, dass dieser mit Würde gestorben sei. Ich bin sicher, dass auch die 21 Männer am Strand wussten, wie wichtig ein Tod mit Würde ist. Oder nehmen wir das Beispiel von Dolagie im 3. Jahrhundert. Ihre fünf Söhne wurden vor ihren Augen umgebracht, damit sie Christus abschwört. Man stelle sich vor, ihre Kinder wurden auf ihrem Schoß abgeschlachtet! Jeder in der koptischen Kirche kennt Bilder, Geschichten und Gespräche von Märtyrern. Das Märtyrertum wird in die Herzen der Christinnen und Christen in Ägypten vom ersten Tag an eingepflanzt. Und wir alle wissen, dass diese Geschichte nach wie vor lebendig ist.

Das Konzept des Märtyrertums hat im Kontext der Verfolgung eine gewisse Logik. Was geschieht aber, wenn es keine Verfolgung mehr gibt? Bedeutet das unausweichlich, dass das Konzept des Märtyrertums seine Bedeutung und Funktion verliert?

Bischof Thomas: Die westlichen Kirchen müssen nicht ans Kreuz geschlagen werden, um die Bedeutung des Märtyrertums zu verstehen. Aber sie können uns helfen, das Kreuz zu tragen wie einst Simon, wie es in der Bibel steht. Er wurde nicht gefragt, ob er bereit sei, das Kreuz Jesu zu tragen. Es wurde einfach aus der Menge herausgegriffen und gezwungen, das Kreuz zu tragen ohne zu wissen, welcher Segen darauf liegt. Das Kreuz zu tragen, könnte für die westlichen Kirchen zum Segen werden. Unsere Verantwortung für Gerechtigkeit geht über Nationen, Grenzen und politische Überzeugungen hinaus. Die Märtyrer schicken uns einen Schrei. Die Frage ist, ob wir ihn hören wollen oder nicht.

Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck, eine deutsche Politik- und Religionswissenschaftlerin, die sich seit mehr als 15 Jahren mit der Thematik des Christentums im Nahen Osten befasst. Bischof Thomas ist der Bischof des koptischen Bistums Al-Quosia, Oberägypten. Er ist auch der Begründer des koptischen Retreat-Zentrums Anafora, das sich auf halbem Weg zwischen Alexandria und Kairo befindet. Das Gespräch fand am 26. März statt.

Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen