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21 Jahre in Ägypten

Am 13. Oktober 1992 bin ich, Sr. Juliana, aus dem Flugzeug gestiegen, das gerade in Kairo angekommen ist – es sind genau zwei Tage nach dem großen Erdbeben. An diesem Tag herrschte in Kairo Ausnahmezustand – überall wurde aufgeräumt, war doch dieses Erdbeben eines der schwersten, die Ägypten je gesehen hat.

Für mich begann ein neues Leben. Was war das Ziel? Im Auftrag der Kongregation haben Sr. Darlene und ich von September 92 bis Frühling 1994 überlegt, wie wir eine neue Gemeinschaft im ländlichen Raum Oberägyptens, in der Diözese El Minia, schaffen können.

Der Grund war die Erkenntnis, dass wir uns unter die Menschen mischen müssen, um „gestört“ zu werden, herausgefordert zu werden durch ihr Leben, ihren Glauben im Kampf des Alltags, besonders der Armen, sowohl der Moslems als auch der Christen. Auch um präsent zu sein unter den Christen von Ägypten, mit dem besonderen Schwerpunkt für die Bildung der Jugend in menschlichen wie in katechetischen, biblischen und spirituellen Aspekten.

Und so wollten wir kommen um „zu sehen, wie zum ersten Mal“ und zu fragen: Können wir das Risiko, etwas Neues zu tun wahrnehmen, so dass Gott etwas Neues in und durch uns tun kann?

Aber zunächst war es mein Missionsauftrag, die arabische Sprache zu lernen. Mein Arabischstudium begann schon am nächsten Morgen: für die nächsten 18 Monate hieß: es Vokabel pauken, Schreiben üben, Hören und Nachsprechen von Wörtern und kleinen Sätzen.

Es war am Sonntag, den 3. September 1994, als wir im Dorf Berba in der Diözese Minia ankamen, das nun unsere neue Heimat werden sollte – 300 km südlich von Kairo. Es gab viel zu tun: Wir bauten einen großen Spielplatz mit Garten für die Kinder auf. Die verschiedenen umliegenden Dörfer wurden mit Tageskliniken und einem Programm für die unterernährten Kinder unterstützt. Ein Haus und ein Zentrum für geistig behinderte Kinder wurde mit finanzieller Hilfe der europäischen Botschaften in Kairo aufgebaut. In vielen Aktivitäten setzten wir in der koptisch-katholischen Pfarre und im Dorf unermüdlich unsere Arbeitskraft, unsere Bildung, unsere Liebe zum Wort Gottes ein, um in Beziehung und Respekt allen Menschen gegenüber Zeichen zu setzen.

Sr. Darlene bemühte sich, ihr Wissen und ihre Kenntnisse von Talmud Tora (Studium und Tun der Tora), das bei den jüdischen Weisen immer schon als Gebet angesehen wurde, weiterzugeben an eine Gruppe von koptisch-katholischen Priestern.

Der Ägypter, die Ägypterin, wie ich sie in all den Jahren kannte, sie waren hilfsbereit, freundlich, offen, voller Lebensfreude, voll Vertrauen in das Gute. Diese Menschen verändern sich in rasendem Tempo, in Richtung auf die moderne Wegwerfgesellschaft. Die Mentalität des Ägypters, der von Warmherzigkeit strahlte und Freundlichkeit lebte, leidet, und so wird das Land der Pharaonenkultur zu einem Land, wo Abgrenzung, Zwang und schwere religiöse Unsicherheit herrschen.

Wehmut und auch ein wenig Angst begleiten mich auf dem Weg in meine neue Missionsaufgabe: verantwortlich zu sein in der Ausbildung für den Nachwuchs unserer Kongregation im internationalen Noviziat, das in Jerusalem im Jänner 2014 eröffnet wird.

Und wo schlafe ich?

Und wo schlafe ich?

Mit dem Bild und der Frage „Wo schlafe dann ich“ verabschiede ich mich von unserem Haus in El Berba, das mir 19 Jahre lang Heimat war und von allen seinen Bewohnern, auch von unserer Hauskatze Paskalina, die aufpasst, dass nicht allzu viele Mäuse das Haus bevölkern und die uns vor Schlangen warnt. Ihr Lieblingsplatz zum Schlafen, vor allem im Sommer, ist mein Bett. Dieser Anblick lässt mich fragen „und wo schlafe dann ich?“.

Aber bei aller Wehmut darf ich doch auf eine wunderbare Zeit meines Lebens zurückblicken, die mir geschenkt wurde in den 19 Jahren die ich im Dorf El Berba verbringen durfte. Ich bin voll Dankbarkeit für die Menschen in meiner Heimat, die mich finanziell und geistig unterstützt haben und die mir vielfach zu Freunden geworden sind. Dankbar bin ich, wenn ich die Kinder sehe, die sich an den Spielgeräten hier im Garten erfreuen, dankbar bin ich für die männliche Unterstützung durch Wilson und viele andere. Eine Sternstunde ist jedes Jahr die Einladung, mit den geistig behinderten Kindern in ein Fünfsternehotel in Hurgada zu fahren. Besonders dankbar bin ich der Dorfgemeinschaft von Berba, die mich aufgenommen und angenommen hat, so dass ich durch sie und sie durch mich Hoffnung und Liebe leben konnten. Ich werde euch nie vergessen!

Aber auch an meine Mitschwestern in Ägypten ein Dankeschön. Denn es waren sie, die mich in meinen Launen, mit meinen Schwierigkeiten und durch all die Hoffnungen bei meinem Einsatz für die Menschen beflügelt durch das Charisma der Schwestern von „Unserer Frau von Sion“ in Ägypten unter den Menschen und in der Kirche von Ägypten mitgetragen haben.

Sr. Juliana NDS